Imperialismustheorien


Im folgenden haben wir Texte für einen Lesekreis zusammengestellt, die sowohl einen Überblick über die klassischen Imperialismustheorien als auch einen Einblick in jüngere theoretische Ansätze geben sollen. Die Fragen, die dabei leitend sein sollten, sind die nach dem eigentlichen Inhalt des Imperialismusbegriffs und wie sich dieser auf die politische Praxis der Kommunist_innen in der Vergangenheit ausgewirkt hat und wie er sich auf unsere heutige politische Praxis auswirken muss. Was ist Imperialismus und wie kann man ihm entgegentreten? Wann kann man von imperialistischen Kriegen sprechen? Wie wirkt sich der Imperialismus auf das Verhältnis von „Erster-“ und „Dritter Welt“, von Metropole und Peripherie, von Norden und Süden aus? Welche Bedeutung kommt den „antiimperialistischen Befreiungskämpfen“ zu? Gibt es heute einen US-amerikanischen /deutschen / französischen oder beliebigen anderen nationalen Imperialismus? Etc…

All diese Fragen können nur dann beantwortet werden und letztlich in unsere Praxis einfließen, wenn wir unsere Diskussion als Marxist_innen auf eine gemeinsame theoretische Basis stellen und mit klaren, wissenschaftlichen Begriffen argumentieren. Wie im Verlauf der Lektüre deutlich werden wird, gibt es nicht DIE marxistische Imperialismustheorie. Es liegt schon allein an der Komplexität des Untersuchungsgegenstands und den vielen historischen Veränderungen, denen er seit seiner Entstehung unterworfen war, dass er immer wieder neue Erklärungsversuche nötig machte und auch immer wieder theoretische Ansätze ins Leere laufen ließ. Schon die Klassiker unter den Imperialismustheorien sind nicht etwa als Produkt einer einmündigen und harmonischen gemeinsamen Theorieentwicklung der damaligen Linken zu denken, sondern vielmehr Ergebnis scharfer Auseinandersetzungen und Polemiken, wie es am deutlichsten bei Lenin zu Tage tritt. Allen marxistischen Ansätzen gemeinsam ist aber das folgende Ziel: es geht ihnen nicht etwa darum, den Imperialismus auf einer rein politischen oder moralischen Ebene zu kritisieren, z.B. als eine besonders aggressive Form der Außenpolitik oder eine besonders skrupellose und gewalttätige Tendenz zur territorialen Expansion. Die Kommunist_innen haben diese Erscheinungen des Imperialismus immer kritisiert und aktiv bekämpft, sie aber dennoch als Symptome einer komplexen, tiefer liegenden Struktur erkannt. Und deshalb darf eine marxistische Erklärung des Imperialismus auch nicht bei der Beschreibung dieser Symptome stehen bleiben, sondern muss nach ihren Ursachen Forschen. Die zentrale Frage, die es zu beantworten gilt, ist also die, welche ökonomischen Bewegungsgesetze den Kapitalismus dazu zwingen, sich auszubreiten, seine Einflusssphäre über die ganze Welt auszudehnen, Ausbeutungsverhältnisse im globalen Maßstab auszubilden und immer wieder vernichtende Kriege zu führen. Die Schlussfolgerung, die sich aus einer solchen Untersuchung ergeben muss, kann nur eine sein: der Imperialismus lässt sich letzten Endes nur überwinden, wenn es gelingt, den Kapitalismus zu überwinden, denn er ist nichts anderes, als eine Erscheinungsform der kapitalistischen Ordnung auf einer bestimmten Entwicklungsstufe – und als solche ist er eine Erscheinungsform jener Barbarei, die wir mit aller Entschlossenheit bekämpfen und der wir den Sozialismus entgegenstellen müssen!

Zum technischen: Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, den Lesekreis auf Basis eines regelmäßigen Treffens im Abstand von zwei Wochen zu organisieren. Es ist sehr hilfreich, wenn jeweils eine Person den gelesenen Text kurz zusammenfasst und die wichtigsten Argumente rekapituliert. Danach sollte unbedingt noch genug Zeit bleiben, um offene Fragen zu diskutieren oder ggf. Kritik zu äußern. Ziel des Lesekreises sollte vor allem nicht eine Expertendiskussion sein, sondern es sollte besonders darauf geachtet werden, auch unerfahrenere Leser_innen zu integrieren und eine wirkliche gemeinsame Wissensbasis zu erarbeiten. Der Lesekreis ist auf acht Sitzungen ausgelegt, kann aber beliebig erweitert werden. Die hier hochgeladenen Texte sind meist gekürzt oder Auszüge aus umfangreicheren Werken. Die Klassiker lassen sich in jeweils voller Länge gratis auf marxists.org nachlesen.

ERSTE SITZUNG: Einführung
Das erste Treffen sollte vor allem dafür genutzt werden, herauszufinden, auf welchem Wissensstand die Teilnehmer_innen sich aktuell befinden und ob z.B. noch gemeinsame Vorarbeit nötig ist, bevor mit den Imperialismus-Texten begonnen werden kann. Da fast alle hier vorgestellten Theorien sich aus der marxistischen Ökonomie heraus entwickelt haben, gehört ein bestimmtes Marx-Grundwissen zu den Voraussetzungen für diesen Lesekreis. Hier findet ihr eine Broschüre, die versucht, diese Grundlagen in aller Kürze zu vermitteln. Je nach Vorwissen könnte sinnvoll sein, diesen Grundlagen eine ganze Sitzung zu widmen. Außerdem schlagen wir vor, zur Vorbereitung der ersten Sitzung folgende Einführungstexte zu lesen, die den Imperialismusbegriff historisch einzuordnen versuchen, einen groben Ausblick auf die zu behandelnden Theorien geben.

Intro 1
Intro 2

ZWEITE SITZUNG:
Karl Kautsky
„Der Imperialismus“
„Zwei Schriften zum Umlernen“
„Der imperialistische Krieg“

DRITTE SITZUNG:
Rosa Luxemburg
„Die Akkumulation des Kapitals“
„Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus“

VIERTE SITZUNG:
Nikolai Bucharin
„Imperialismus und Weltwirtschaft“
W.I. Lenin
„Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“

FÜNFTE SITZUNG:
Baran & Sweezy
„Monopolkapital: Imperialismus und Militarismus“

SECHSTE SITZUNG:
Dependenztheorie 1
Osvaldo Sunkel: „Transnationale kapitalistische Integration und nationale Desintegration: Der Fall Lateinamerika“
Dependenztheorie 2
Ernest Mandel: „Neokolonialismus und ungleicher Tausch“

SIEBTE SITZUNG:
Weltsystemtheorie
Immanuel Wallerstein: „Das Weltsystem“

ACHTE SITZUNG:
Einleitung
Imperiales Kommando
Der amerikanische Imperialismus
Hardt & Negri: „Empire“
„Empire“ haben wir als Beispiel für eine postmoderne Theorie mit in den Lesekreis aufgenommen. Aus der sonstigen Lektüre und den politischen Ereignissen der letzten 10 Jahre dürften sich jedoch zahlreiche Kritikpunkte an diesem Text ergeben. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass die Diskussion darüber sehr fruchtbar sein kann.